Jes 49,3.5-6; 1 Kor 1,1-3; Joh 1,29-34.
Auf den ersten Blick – und so haben wir das im Religionsunterricht gelernt (wenn wir aufgepasst haben) – ist die Textstelle im Buch Jesaja die Prophezeiung, also hier die Ankündigung des Messias, der das Volk Israel wieder einen wird, das Evangelium bezeugt, dass Jesus dieser prophezeite Christus ist, denn dem Täufer wurde das Zeichen genannt, an dem er ihn erkennen sollte und er bezeugt, dass er über Jesus genau dieses Zeichen, die Taube, gesehen habe. Paulus schließlich deutet das Ganze für uns: Jesus kam nicht nur zu den Israeliten, er ist als Herr über alle gestellt, die Gott berufen hat.
Doch diese paar Zeilen sagen viel mehr, wenn man etwas tiefer geht.
Da ist die Berufung durch Gott.
In allen drei Texten wird jemand berufen; bei Jesaja ist es der Prophet selbst, im Evangelium ist es der Täufer, der den Messias erkennen und damit verkünden soll, und bei Paulus ist nicht nur er zum Apostel berufen, auch wir sind wir Berufene, Gottes Volk, an anderer Stelle „ein Volk von Priestern“ (z. B. 1. Petrus 2,9 oder Offenbarung 5,10) genannt. Selbst Jesus sagt seinen Jüngern „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (Johannes 15,16).
Wir sind Berufene! Die Initiative geht immer von Gott aus. Gott hat uns berufen, ihm zu dienen – allerdings versteht er das Wort dienen anders, als wir Menschen es verwenden, denn Jesus betont auch, dass wir nicht seine Knechte, sondern seine Freunde sind.
Die Berufung durch Gott ist ein Leitthema der Bibel. Gott beobachtet uns nicht aus der Ferne, um irgendwann ein Urteil über uns zu fällen, er ruft uns in seinen Dienst und damit in seine Nähe. Er ruft uns zu sich, wir stehen nicht unter ihm, sondern vor ihm, neben ihm. Das ist ein gewaltiger Unterschied!
Die Berufung ist aber kein Selbstzweck, sondern Sendung.
In allen drei Texten erhalten die Berufenen klare Aufgaben. Die Aufgaben von Paulus und dem Täufer sind eindeutig. Die Aufgabe Jesajas reicht aber tiefer. Jesaja soll sein Volk sammeln und ihnen zugleich Licht sein, sogar „Licht der Nationen“. Dieses Licht wird gerne auf das Licht Jesus uminterpretiert, weil ja Jesus der zu allen Menschen gesandte Messias ist. Tatsache ist aber: Gott will jeden, der seinem Ruf folgt, zu einem Licht der Nationen machen. Wenn alle Christen ihre Berufung ernst nähmen, so wären sie ein Meer von 2,3 Milliarden Lichtern in dieser Welt. 2,3 Milliarden Christen wären Boten der Hoffnung und des Heils, das ist unser Auftrag.
Leuchte, Menschenkind!
Der Heilige Geist bestätigt diese Sendung.
So lesen wir das im Evangelium und bei Paulus. Gott spricht zu Jesaja, er selbst habe ihn geformt, das bedeutet aber nichts anderes, denn der Geist Gottes, das ist Gott selbst. Wenn wir Gott in uns wirken lassen, so stärkt und lenkt uns sein Geist in unserem Tun. Er ist in uns und formt uns. Der Geist stärkt dieses neue, dieses unvergängliche Leben, das Gott in uns gelegt hat und bewirkt dadurch, dass sich dieses neue Leben in unserem Tun zeigt.
Nicht wir beweisen durch unser Tun unsere Treue zu Gott, Gott bestätigt in unserm Tun, dass er bei uns ist – auch für andere, die dies sehen und erleben.
Wir erlangen unsere Identität durch Gottes Zuspruch, durch das, was er in uns wirkt, nicht durch das, was wir tun. Wir erhalten das wahre Leben, unsere wahre Identität nicht durch eigene Leistung, sondern durch den Zuspruch Gottes. Das ist ein ganz anderes Konzept, als jenes dieser Welt.
Im Wort Gottes liegt unser ganzes Heil – wenn wir zuhören!
