Hiob will seine Rechtschaffenheit vor Gott darlegen, d.h., er will sich immer noch (selbst) vor Gott rechtfertigen. In ihm ist die von seinen Freunden propagierte Volksfrömmigkeit genauso tief verwurzelt, wie in den Freunden. Immer deutlicher erkennen wir, hier streitet nicht der Gottestreue gegen die Angriffe der Welt (diesen Eindruck vermittelten ja die ersten Kapitel des Buches Hiob), hier streiten Parteien – allesamt nur mit diffusem Gottesverständnis – um einen Weg abseits des Lichts quer durch die Dunkelheit.
Hiob
Hiob wird in der Bibel in der Zeit der Patriarchen, also irgendwo zwischen Adam und Jakob/Israel verortet. Insofern erscheint es logisch in Hiob den Prototypen eines Gläubigen in einer Zeit zu sehen, als Gott noch nicht über sein Wort verkündet worden war, eine Zeit also in der die geistliche Erweckung der Menschen ihren Anfang nahm, eine Zeit der Familiengötter und Götzenreligionen. Auch in dieser Zeit wirkte Gott ganz offensichtlich in die Geschicke der Menschen hinein, auch wenn diese seine Weisungen eher diffus wahrnahmen. Erstaunlich vielfältig waren daher auch die Religionen, die sich in jener Zeit entwickelten. Alle hatten aber eines gemeinsam: Man opferte dem Gott oder den Göttern, meist um sie gnädig zu stimmen, sei es, um für erhaltenen Segen zu danken oder um befürchteten oder erlebten Fluch abzuwenden.
Da waren doch die ganze Zeit nur drei Freunde, oder? Offensichtlich haben wir nicht genau genug hingesehen, denn nun erhebt Elihu, der Jüngste in der Runde, das Wort und schwere Vorwürfe gegen die Anwesenden. Ehe wir seine Rede im Details betrachten, fällt bereits der Name „Elihu“ auf, denn „Eli“ bedeutet „mein Gott“, und kurz nach der Bedeutung des Namens gegoogelt zeigt uns, „Elihu“ bedeutet „Er ist mein Gott“ / „mein Gott ist es“.
Nun setzt Hiob zu seiner letzten Erwiderung auf die Angriffe der Freunde an und wir erkennen, er sieht sich im Zentrum seiner Welt stehend und unterscheidet sich in diesem Punkt nicht von den bisherigen Rednern.
Der literarische Gott, der die Handlung in den ersten Kapiteln erst losgetreten hat, schließt sie nun auch ab – er erhält das letzte Wort.
In vielen Fragen macht Gott Hiob klar, mit welchen Kräften er die Welt zusammen und am Laufen hält und damit deutlich, dass Hiob sich mit seinen Vorwürfen weit überhoben hat.
