Familie - Mutter, Vater, Kind - mit angedeutetem Heiligenschein. Titel des Bildes: Heilige Familie - gestern und heute

Vom König zum Vater: Wie Gott unsere Beziehungen verwandelt

Sir 3,2-6.12-14 (3-7.14-17a); Kol 3,12-21; Mt 2,13-15.19-23. 

Sowohl Jesus Sirach als auch Paulus an die Kolosser haben hier – wie könnte es am Fest der Heiligen Familie anders sein – die Familie im Blickfeld und ihre Weisungen sind eindeutig. Die Familie hat sich dem Oberhaupt, also dem Vater unterzuordnen – er ist quasi der König der Familie, welche die kleinste Zelle des Staates bildet. Die staatliche Ordnung, welche – so das damalige Bild – die himmlische Ordnung 1:1 widerspiegelt, sieht das Volk als Untertanen ihres Königs. Die Völker der Welt einschließlich ihrer Könige und Fürsten sind in diesem Bild die Untertanen Gottes, des höchsten Königs im himmlischen Königsreich. Entsprechend erhält dann auch nicht Maria, sondern Josef Anweisungen vom Engel, mit seiner Familie nach Ägypten zu fliehen und – als Herodes gestorben ist – auch den Ruf in seine Heimat Israel, allerdings nicht nach Bethlehem, sondern nach Nazareth, zurückzukehren. Durch Flucht und Rückkehr erfüllen sich auch zwei Prophezeiungen über den Messias.

Gott spricht mit den Menschen. Verstehen können werden sie aber immer nur, was ihrer Kultur, ihrem allgemeinen Verständnis entspricht, denn der biologische Mensch ist ein Kind seiner Zeit in seiner Welt und kann nicht weit über diesen Horizont hinausblicken. Wenn ich die Bibel lese, dann muss ich mir immer wieder bewusst machen, dass hier Geschehnisse beschrieben und Weisheiten wiedergegeben werden, die dem Verständnis und der äußeren Ordnung ihrer Zeit entsprechen. Selbst wenn es in jener Zeit vielleicht andere Offenbarungen Gottes gegeben hätte, wären sie daher wohl von den Hütern des Glaubens wieder aussortiert oder erst gar nicht beachtet worden, gerade wenn sie dem allgemeinen Verständnis von Gerechtigkeit und Ordnung widersprochen hätten. Es war kein unvorhersehbares Unglück, dass der Hohe Rat Israels Jesus einmal als Feind des Glaubens verurteilte, denn er tat genau das: Jesus stellte die althergebrachte Ordnung in Frage und verkündete eine neue Ordnung. Und er begründete sein Reden und Tun mit derselben Schrift, aus der einst die alte Ordnung abgeleitet worden war, dem Wort Gottes und der Propheten. Das musste zu einem fatalen Ergebnis, einem Clash der Epochen führen.

Trotzdem sind diese alten Texte nicht überflüssig, überholt oder gar falsch!

Ich muss diese Texte nur neu lesen, in die heutige Zeit transponieren, um aus ihnen praktisches Wissen und Erkenntnis ziehen zu können.

Es ist sicherlich auch heute richtig, wenn Familienmitglieder respektvoll und liebevoll miteinander umgehen. Das gilt nicht nur für die Familie, sondern für alle Gruppen, die eine Strecke gemeinsam auf dem Weg sind. Wenn das nicht funktioniert, wird die Familie/Gruppe als unharmonisch und dysfunktional wahrgenommen. Wenn die Mitglieder gegeneinander arbeiten, wird sich eine Gruppe nicht entwickeln können – erst recht nicht ein Ziel erreichen – und schließlich an ihrem Misstrauen und ihrer Zwietracht zerbrechen. Ein so herbeigeführtes Ende ist niemals ehrenhaft, um auch dieses Wort aus den alten Texten genannt zu haben. Die Regeln, nach denen eine Familie – und jede andere Gruppe – funktioniert, haben sich zu keiner Zeit geändert und werden es auch in Zukunft nicht.

Ebenso spüren wir in all der Freiheit, die wir heute genießen dürfen, dass auch diese einen ordnenden Rahmen, also eine Ordnung braucht. Freiheit ist eben nicht, dass jeder genau das macht, worauf er gerade Lust hat, dafür ist unsere Welt einfach zu voll und zu vernetzt. Freiheit braucht Regeln und die Regeln brauchen Hüter, die auf deren Einhaltung achten und sie bei Bedarf auch gegen einzelne (und gegen deren Willen) durchsetzen und Lotsen, die diesen großen Haufen Menschen in eine gemeinsame Richtung bewegen. Wenn die gemeinsame Richtung verloren geht, fällt ein Staat in Einzelinteressen auseinander, was das Ende der Freiheit für die meisten darin bedeutet. Statt eines Königs, der durch Geburt ins Amt kommt, wählen wir uns unsere Lotsen, die Oberhäupter des Landes. Diese müssen sich bewähren, um nicht abgewählt zu werden. So funktioniert staatliche Ordnung heute.

Gott können wir aber nicht wählen oder abwählen!

Wir können ihm folgen und Teil seiner Familie sein oder wir können allein bleiben. Das ist die einzige Wahl, die wir bei Gott haben.

Und sieht Gott sich als König, als absoluter Herrscher, als Herr der Herren, so wie wir ihn in unseren Liedern und die Autoren der Heiligen Schrift in ihren Texten besingen?

Nein, so will er nicht gesehen werden. Wenn wir ihn „Vater“ oder „Papa“ nennen, wie Jesus es uns gelehrt hat, dann ist er auf Augenhöhe. Wir folgen ihm, weil wir ihm vertrauen, weil wir ihm glauben, dass er es gut mit uns meint. Und auch diesen Wunsch Gottes, wie wir ihn wahrnehmen sollen, findet sich an vielen Stellen der Bibel.

Die beeindruckendsten Belege dieser Haltung Gottes finden wir im Vater unser und in einer der letzten Äußerung Jesu vor seiner Verhaftung:

„Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Joh 15,15)

Jesus, der Rabbi (Lehrer, Herr) seiner Jünger, war hier seiner Zeit so weit voraus, dass sie die Tragweite dieser Aussage vielleicht gar nicht erfassen konnten.

Gott steht nicht zur Wahl, aber Gott erwartet auch keine willenlose Unterwerfung. Er erklärt uns, was er vorhat und zum welchem Ziel das führt. Er ist da ganz offen und ehrlich; das wird zum Ende hin eine ziemlich ruppige Schussfahrt: „Die Ordnungen, die ihr kennt und gewohnt seid, die werden sich vor euren Augen auflösen. Aber fürchtet euch nicht vor diesem Gericht, denn das geschieht zu eurem Heil. Bleibt auf dem Weg in den Tagen des Gerichts! Ich bin bei euch.“ Es gibt in dieser Welt genug, was uns zu ängstigen vermag. Gott möchte nicht dazugehören. Deswegen kam er in Jesus ganz bewusst auf unsere Ebene. Er wurde Teil von uns, damit wir Teil von ihm, Mitglieder seiner Familie, werden können.

Die Heilige Familie, das sind wir alle, wenn wir uns vertrauensvoll um unseren Gott versammeln, wenn wir untereinander respektvoll und liebevoll sind. Er gibt die Richtung vor und wir vertrauen ihm, denn er hat alles getan, damit wir ihn kennen können.

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